Stellungnahme der Allianz für Integrative Medizin und Gesundheit e.V. (AIM) zu den Empfehlungen der FinanzKommission Gesundheit (FKG)
Die Allianz für Integrative Medizin und Gesundheit (AIM) vertritt als Dachnetzwerk die Interessen von insgesamt ca. 300.000 Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten, medizinischen Fachgesellschaften, Berufsverbänden, Kliniken, Einrichtungen der Gesundheits- und Sozialversorgung sowie Patientinnen, Patienten und Bürgerinnen und Bürgern im Bereich der Integrativen Medizin in Deutschland.
Die Allianz für Integrative Medizin und Gesundheit e.V. (AIM) hat den Bericht der Finanzkommission Gesundheit (FKG) als wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zur Kenntnis genommen. Die Analyse macht deutlich: Bei Ausgaben von über 300 Milliarden Euro jährlich gehört das deutsche Gesundheitssystem zu den teuersten weltweit – ohne entsprechend bessere Ergebnisse für die Patientinnen und Patienten. Das Problem ist daher nicht nur finanzieller, sondern vor allem struktureller Natur.
Vor diesem Hintergrund sind tiefgreifende Reformen erforderlich. Die AIM sieht jedoch den Vorschlag im Referentenentwurf § 11 Abs. 6 SGB V, Verfahren der Integrativen Medizin aus dem Leistungskatalog zu streichen, kritisch und lehnt diese in der vorliegenden Form aus den folgenden Gründen ab:
Diese Maßnahme greift zu kurz.
Das Einsparpotenzial von rund 40 Millionen Euro liegt im einstelligen Promillebereich und ist im Verhältnis zu den strukturellen Defiziten im deutschen Gesundheitswesen marginal. Gleichzeitig hätte eine Streichung erhebliche Folgen: Sie würde die Wahlfreiheit der Versicherten einschränken, bestehende Versorgungsangebote schwächen und ein politisches Signal gegen therapeutische Vielfalt senden.
Die eigentlichen Kostentreiber liegen an anderer Stelle.
Arzneimittelausgaben von jährlich 50–60 Milliarden Euro, steigende Folgekosten durch Nebenwirkungen sowie weit verbreitete Mehrfachmedikation – insbesondere im Alter – belasten das Gesundheitssystem erheblich. Ein primär medikamentenorientierter Ansatz stößt hier medizinisch und gesundheitsökonomisch an seine Grenzen. Systemische Fehlanreize führen oft zu Über- und Fehlversorgung, ohne die Gesundheit nachhaltig zu verbessern.
Genau hier setzt Integrative Medizin an.
Sie verbindet konventionelle und komplementäre Verfahren sinnvoll miteinander und richtet den Fokus stärker auf Gesundheitsförderung, Prävention, Lebensstilmedizin und Eigenverantwortung. Ziel ist nicht mehr Versorgung, sondern bessere Versorgung.
Konkret trägt die Integrative Medizin dazu bei:
- Krankheiten konsequenter vorzubeugen statt diese nur zu behandeln
- Patientinnen und Patienten aktiv einzubeziehen und Eigenverantwortung zu stärken
- unnötige oder belastende Medikation zu reduzieren
- langfristige und nachhaltige Gesundheitsziele zu erreichen
Studien aus der internationalen Versorgungsforschung zeigen, dass solche Ansätze nicht nur die Lebensqualität substantiell verbessern, sondern auch Kosten senken können.
Ein weiterer zentraler Punkt: die Bewertung medizinischer Leistungen.
Integrative Verfahren werden häufig zu eng beurteilt – etwa nur anhand einzelner Wirkmechanismen. Tatsächlich handelt es sich zumeist um komplexe Versorgungskonzepte, vor allem in der Primärversorgung. Eine moderne deutsche Gesundheitspolitik sollte daher neben klassischen Wirksamkeitsstudien auch Erfahrungen aus der Versorgungspraxis stärker berücksichtigen und Versorgungsforschung in diesem Sektor systematisch fördern.
Die hohe gesellschaftliche Nachfrage unterstreicht die Relevanz.
Integrative Medizin wird von vielen Menschen in Deutschland aktiv genutzt. Eine Petition des Deutschen Bundestages im Jahr 2024 mit rund 200.000 Unterstützenden zeigte deutlich: Wahlfreiheit und Vielfalt sind für Bürgerinnen und Bürger ein wichtiges Qualitätsmerkmal der deutschen Versorgungslandschaft.
Fazit:
Die Stabilisierung der GKV gelingt nicht durch das symbolhafte Streichen einzelner Leistungen mit geringem Einspareffekt. Entscheidend ist eine grundsätzliche systemische Neuausrichtung hin zu deutlich mehr Gesundheitsförderung, Prävention und effizienterer Versorgung im deutschen Gesundheitswesen. Dies gelingt mit integrativen Versorgungsmodellen, der Förderung der interprofessionellen Zusammenarbeit und der Versorgungsforschung, um praxisnahe Evidenzgenerierung konsequent weiterzuentwickeln.
Die Integrative Medizin ist nicht Teil des Problems – sie ist Teil der Lösung und somit fordern wir – bei aller Wertschätzung und Einsicht in die Notwendigkeit von Reformen – den folgenden Satz im Vorschlag zu streichen.
§ 11 Abs. 6 SGB VHomöopathische und anthroposophische Arzneimittel sowie homöopathische und anthroposophische Leistungen sind als zusätzliche Satzungsleistungen im Sinne dieses Absatzes ausgeschlossen.
Die Allianz für Integrative Medizin und Gesundheit e.V. bietet an, ihre Expertise aktiv in den weiteren Reformprozess einzubringen.